Dem Wasser auf der Spur
14 Stationen entlang von Mühlenbach und Bussmannsbach – von der alten Brennerei bis zur rettenden Brücke am Teigelkamp.
Brennerei Dalmöller – Das gute Wasser zum Genießen
Das gute Wasser zum Genießen. — Ohne Wasser läuft beim Schnapsbrennen nichts. Seit 1812 wird hier gebrannt, und schon der erste Schritt beginnt mit Wasser. Ab 5 Uhr morgens wurden rund 1000 Liter bei 10 bar auf über 100 Grad erhitzt; der Dampf zerkleinerte die Körner, leitete die Verzuckerung ein, nach Hefezugabe gärte die Maische 72 Stunden. In der Rohbrandsäule heftet sich der Alkohol an den aufsteigenden Wasserdampf – beide sind Dipole und ziehen sich an. Erst durch Kondensieren bei exakt 78 Grad und die Trennung von Vor-, Haupt- und Nachlauf entsteht der genießbare Korn. Am Ende verdünnt Wasser im Verhältnis 1:2 auf Trinkstärke – und das Grundwasser prägte den Geschmack: Dalmöllers Korn galt als der reinste im Dorf. Brennmeister Heinrich Niehaus bot in den 1960ern sogar einen im Eichenfass gereiften Lagerkorn an. (Vollständiger Text und Podcast-Skript im separaten Dokument.)
Schmiede Berkemeier


Den Schalk im Nacken. — Hier am Bussmannsbach lag die „Seperie“, die Waschstelle, an der die Frauen ihre Wäsche im Bachwasser spülten. Der „Alte Fritz“ Berkemeier (gest. 1940, 87 J.), Nagelschmied wie schon sein Vater ab 1840, war ein Dorforiginal mit Sinn für Streiche. Einem Jungen klopfte er einen krummen Pfennig gerade und verlangte dafür „zwei Pfennig“. Seiner Frau Fine signalisierte er mit drei Hammerschlägen falsche Kundschaft – sie rannte vom Bach heim, fand den Laden leer. Doch sie konterte: Tu das nicht wieder, sonst bleibt dein Hemdkragen schwarz. Da war der Spaßvogel kleinlaut. (Vollständiger Text & Podcast-Skript im separaten Dokument.)
Waschstelle im Heckebaum


Der Heckebaum ist ein schmaler Weg, der von der Ibbenbürener Straße an der Fußgängerampel abzweigt und sich zum Bussmannsbach hinunterschlängelt. Er gehört zu den wenigen Verkehrswegen, die in ihrer Ursprünglichkeit noch erhalten geblieben sind. Früher war hier bereits das Dorf zu Ende. Saerbeck ist stark gewachsen, aber zum Glück um den Heckebaum herum. Erhalten hat sich deshalb nun mitten im Dorf ein Stück bäuerliche Kulturlandschaft.
Geprägt ist sie von der Aue des unverbauten Bussmannsbachs, dessen bewaldeter Terrassenkante und von Weideland, das bis an den Hof Lehmann heranreicht. Direkt an der Brücke befindet sich auch die verbriefte Waschstelle der Frauen der Umgebung. Große Sandsteine weisen als stumme Zeugen noch heute darauf hin. Hier wuschen die Frauen des Dorfes noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Lauge aus der Wäsche.
Historisch Interessantes birgt die dortige Hainbuchenhecke. Halb zugewachsen befindet sich in ihr ein mit Moos bewachsenes steinernes Wegkreuz. Das fast bis an den oberen Rand des Querbalkens im Boden versunkene Kreuz soll im Jahre 1801 zum Andenken an einen Sohn der Familie Elbersgerd am Unglücksort aufgestellt worden sein. Es wurde aus Ibbenbürener Sandstein gearbeitet und ist ca. 36 cm hoch, 81 cm breit sowie 21 cm tief.
Die Sage dazu erzählt, dass der Junge erstickte, als ihm beim Flötenspielen das Mundstück des Instrumentes in den Hals rutschte. Solche „Floitepiepen", wie Joseph sie spielte, wurden Ende Juni, Anfang Juli aus frischen, starken Schößlingen aus Weide oder Eberesche von den Kindern selbst angefertigt, indem ein etwa 15 cm langer Stab so lange mit dem Messergriff geklopft wurde, bis sich der Kern aus der Rinde ziehen ließ.
Im Saerbecker Totenregister von 1801 findet sich folgende Eintragung dazu: „Elbersgerd, Joseph – 6 Jahre."
Die Mündung des Bussmannsbaches
Wo sich Bussmannsbach und Mühlenbach vereinigen
Hier an dieser Stelle mündet der Bussmannsbach in den Mühlenbach. Namensgeber des Bachlaufs ist der Bauernhof Prinz, der früher Bussmann hieß.
Der Bussmannsbach wird komplett aus dem Dorffeld gespeist. Das Dorffeld ist zwischen Lengericher Damm und Brochterbecker Damm verortet. Bereits um 1900 wurden hier die ersten Gräben gezogen, um die dortige Staunässe abzuleiten. Ziel war es, das Unland in landwirtschaftliche Nutzfläche umzuwandeln. In diesem Zuge setzte dann auch die Besiedlung des Dorffeldes ein. Die Bauernhöfe Mersmann und Meier am Kanal entstanden um 1925.
Bereits in Höhe des heutigen Bauernhofes Hegemann fließt so viel Wasser zusammen, dass hier im Zuge der Flurbereinigung (ab 1976) ein Überlauf installiert wurde. Dieser sorgt dafür, dass nicht zu viel Wasser durch den Bussmannsbach und damit durch das Dorf fließen muss. Das restliche Wasser wird in den Bussmann-Entlastungskanal abgeleitet, der verrohrt unter der Eschgartensiedlung führt, um an der Badeseestraße in den Mühlenbach zu münden.
Der Mühlenteich
Wassermühlen standen seit der Karolingerzeit (um 800 n. Chr.) unter königlichem Schutz; Verstöße gegen den Mühlenfrieden wurden hart bestraft. Das Verfahren, die Wasserkraft für den Antrieb von Mühlen zu nutzen, ist in der näheren Umgebung von Saerbeck urkundlich seit dem 12. Jahrhundert nachgewiesen. Um 1800 gab es in Saerbeck zwei Wassermühlen, die gewerblich betrieben wurden. Windmühlen gab es noch keine. In den Spitzenzeiten hatte die Dorfmühle zwei Mahlgänge, einen links und einen rechts hinter dem Wehr.
Der Mühlenteich als Energiespeicher
Der Mühlenbach führte nicht immer gleich viel Wasser. Nach längeren Trockenzeiten floss oft nur noch wenig Wasser im Bach – zu wenig, um ein Mühlrad kräftig und gleichmäßig anzutreiben.
Genau hier half der Mühlenteich. Er funktionierte wie ein großer Wasserspeicher: In Zeiten mit reichlich Wasser füllte sich der Teich nach und nach auf. Dieser Vorrat stand dann bereit, wenn der Bach selbst nur noch wenig lieferte.
Für die Müllerin oder den Müller war das entscheidend, denn ein vollständiger Mahlgang brauchte eine bestimmte, verlässliche Wassermenge. Nur wenn das Mühlrad mit genügend Kraft und gleichmäßig lief, konnte das Korn richtig fein und sauber gemahlen werden. Schwankte die Wasserkraft zu stark, litt die Qualität des Mehls.
Die Dorfmühle
Münninghoffs Mühle – die Dorfmühle
Wo heute das Rathaus von Saerbeck steht, klapperte einst eine Wassermühle. Seit alters her gehörte sie zum Hof Münckehof, der später Münninghoff genannt wurde – und der Name der Familie hat den Ort über Jahrhunderte geprägt. „Die Dorfmühle" nannte man sie schlicht, denn sie war für das ganze Dorf von Bedeutung.
Der Mühle vorgelagert lag ein Mühlenteich, ungefähr dort, wo sich heute das Ärztehaus Möhlenkamp befindet. Dieser Teich war kein Schmuckstück, sondern eine Notwendigkeit. Gespeist vom Bussmannsbach und vom Mühlenbach, hatte er eine wichtige Aufgabe: Er sorgte für eine gleichmäßige Wasserzufuhr – unabhängig davon, ob es draußen regnete oder die Bäche in der Sommerhitze versiegten. Denn die Wasserstände schwankten mit den Jahreszeiten erheblich. Bei extremer Trockenheit ließ sich die Mühle oft nur wenige Stunden am Tag in Gang setzen. Ohne den Teich als Speicher wäre der Betrieb noch unsteter gewesen.
Die Besitzverhältnisse waren verschachtelt, wie so oft in jener Zeit. Grundherr und Eigentümer der gesamten Hofanlage waren die königlichen Domänen; als Besitzer eingetragen war die Familie Münninghoff. Sie bewirtschaftete den Hof und die Mühle.
Doch die Geschichte der Mühle ist auch eine Geschichte von Krieg und Wiederaufbau. Im Jahr 1647, nur ein Jahr vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, zogen Königsmarcksche Truppen durch das Kirchspiel Saerbeck. Sie äscherten den Ort ein und brannten auch die Wassermühle des Schulten Münninghoff nieder. Was folgte, war ein langes Schweigen: Über fünf Jahrzehnte stand die Mühle als Ruine. Erst als sich der Besitzer von den finanziellen Folgen des Krieges erholt hatte, konnte sie 1703 wieder aufgebaut und in Betrieb genommen werden – mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Zerstörung.
Bei Münninghoffs Mühle handelte es sich um eine sogenannte oberschlächtige Mühle, und das ist technisch durchaus bemerkenswert. Bei dieser Bauart wird das Wasser über einen Zuflusskanal vom Wehr herangeführt und trifft ganz oben, am Scheitel des Rades, in die Schaufeln. Das Gewicht des herabfallenden Wassers treibt das Rad an – nicht seine Strömung. Damit sich das Rad frei drehen konnte, musste sein Durchmesser etwas kleiner sein als das verfügbare Gefälle. Solche oberschlächtigen Räder besaßen damals den höchsten Wirkungsgrad aller Wassermühlen, verlangten aber ein nutzbares Gefälle von mindestens zwei Metern. In Saerbeck war diese Voraussetzung gegeben, denn der Ort liegt an der Terrasse der Ems. Eine alte Mühlenstatistik des Hochstifts verzeichnet für Münninghoffs Mühle ein Gefälle von zwei bis vier Metern – beste Bedingungen also.
Um 1800 war die Mühle ein leistungsfähiger Betrieb mit zwei Mahlgängen. Zwei Räder trieben zwei Mahlsteine unabhängig voneinander an. Sie diente als Korn- und Ölmühle und übernahm um 1900 zusätzlich die Aufgabe einer Sägemühle. Über Generationen war sie ein wirtschaftliches Herzstück des Dorfes.
Das Ende kam schließlich nicht durch Feuer oder Krieg, sondern durch den Fortschritt. In den 1920er Jahren übernahmen Elektromotoren den Antrieb der Maschinen. Das Wasserrad, das dem Dorf jahrhundertelang gedient hatte, wurde überflüssig. Was Brand und Dreißigjähriger Krieg nicht endgültig hatten beenden können, besiegelte am Ende der elektrische Strom.
Evers Pöttken – Kampf gegen das Wasser verloren
Fließende Gewässer sind Lebensadern. Seit jeher haben Menschen die Nähe von Flüssen und Bächen gesucht: Wasser sicherte das Trinkwasser, war Nahrungsquelle und diente der Hygiene. Aus genau diesen Gründen errichteten die Vorfahren der Familie Evers-Stegemann im Jahr 1663 ein Fachwerkhaus an der Emsdettener Straße – direkt an der Brücke des Mühlenbaches, dort, wo heute der Garten von Familie Peter Dütsch liegt. Der Weg zur Kirche war kurz, das Haus lag an einer der beiden Hauptstraßen, und die Waschstelle für die Wäsche befand sich nur einen Steinwurf entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Die Bauherren ahnten nicht, mit welchen Schwierigkeiten die Bewohner 250 Jahre später kämpfen würden.
Um 1900 wurde die alte Holzbrücke durch eine Steinbrücke ersetzt – doch deren Durchlass war zu klein dimensioniert. Niemand hatte bedacht, welche Folgen die Urbarmachung der Heide und der Flöteniederung nach dem Ersten Weltkrieg haben würde. Für die Kultivierung der nassen Flächen zog man Gräben, die das Oberflächenwasser sammelten und in Bussmannsbach und Mühlenbach leiteten. Seither schwollen die Bäche bei langem Regen schnell an.
In den 1930er Jahren klagte die Familie: „Das Hochwasser bringt uns noch um." Es war zum Normalzustand geworden, dass das Wasser zwei- bis dreimal im Jahr durch das Haus lief und den Kartoffelkeller flutete. Schon nach einem heftigen Gewitter staute sich der Mühlenbach und setzte die Bachaue unter Wasser. Regnete es länger, wurde sogar die Emsdettener Straße überschwemmt. Damit Fußgänger trockenen Fußes über die Brücke kamen, hatte man große Sandsteine in kleinen Abständen ausgelegt, über die man balancierte.
Für Lukas Stegemann war das ein Drama. Er war 1843 in dem Haus geboren und hatte es von seinen Eltern geerbt. Für ihn, seine Frau Elisabeth und die acht Kinder war es Wohnung und Lebensgrundlage zugleich. Verkehrsgünstig gelegen, betrieb er hier einen gut gehenden Krämerladen mit Töpfen, Porzellan und allerlei Haushaltswaren. Um den Absatz anzukurbeln, ging er als „Kieper" über Land. Seine Kunden in Brochterbeck und Westladbergen lebten meist von der Landwirtschaft, und so bezahlten sie nicht mit Geld, sondern im Tausch: Morgens war die Kiepe voller Haushaltsartikel, abends voller Eier, Butter, Speck und Schinken.
Doch die wiederkehrenden Wassermassen machten ihm Sorgen. Das Haus war ständig feucht, musste gelüftet werden, damit sich kein Schimmel bildete. Ihm war klar: Dieser Zustand gefährdete sein Geschäft und die Gesundheit seiner Familie.
Das Ende des Kampfes gegen das Hochwasser erlebte er nicht mehr. Lukas Stegemann starb. Zwei Jahre später zog die Familie an die Lindenstraße, wo sie das Haus der Familie Niehoff kaufen konnte. Das alte Wohnhaus wurde abgebrochen, der Schoppen aber von der Emsdettener Straße an die Lindenstraße versetzt, um weiter Landwirtschaft betreiben zu können.
Bei älteren Saerbeckern ist Lukas Stegemann als „Evers Pöttken" bis heute in guter Erinnerung – wegen seines freundlichen, humorvollen Wesens, das er sich trotz aller Sorgen nie nehmen ließ.
Willebrandts Waschstelle – Wer anderen eine Grube gräbt
Wer anderen eine Grube gräbt … erzählt von Peter Dütsch
Knüvers Jans war Schmied in Middendorf – tüchtig, der Betrieb lief. Doch mit etwa 30 Jahren krempelte er sein Leben um: Er trat dem Steyler Missionsorden bei und wollte als Missionar nach Deutsch-Neuguinea, ans andere Ende der Welt.
Weil das ein Abschied für Jahre, vielleicht für immer war, feierte das Dorf noch einmal zünftig mit ihm. Nach der Sperrstunde zog Jans mit seiner ausgelassenen Freundesschar zum Mühlenbach. Übermut und Alkohol brachten die jungen Männer auf eine Idee: Sie spielten dem Krämer Stegemann, genannt „Evers Pöttken", einen Streich und hängten am ganzen Haus die Blendläden aus – so würde die Familie im Sommer schön früh zu Sonnenaufgang geweckt.
Doch Lukas lag noch wach. Ausgerechnet an diesem Abend hatte er sich mit seinem Nachbarn Heinrich Beermann gestritten, der ständig durch Lukas' Garten lief, um aus dessen besonders gutem Brunnen Wasser zu schöpfen. Heinrich zeigte sich uneinsichtig und ging schlafen – er musste früh um halb vier zu einer Hausschlachtung nach Westladbergen.
Lukas kochte vor Wut. Er wusste: Heinrich würde vor Sonnenaufgang wieder durch seinen Garten stapfen. Also grub er ein tiefes Loch genau in den Weg zum Brunnen. Dort sollte der Nachbar in der Dunkelheit hineinfallen und bis zum Morgen schmoren.
Als Lukas dann mitternachts die verdächtigen Geräusche der Streich-Spieler hörte, sprang er im Nachthemd aus dem Bett und nahm die Verfolgung auf – und fiel prompt in genau die Grube, die er für seinen Nachbarn gegraben hatte. Stunde um Stunde musste er ausharren. Pünktlich um halb vier kam Heinrich vorbei, um Wasser zu schöpfen, staunte nicht schlecht über den leicht bekleideten Lukas im Loch – und befreite ihn. Danach, so heißt es, kam es zwischen den beiden Nachbarn nie wieder zum Streit.
Jans aber fiel der Abschied nach dieser Nacht umso schwerer. Sechs Wochen dauerte die Schiffsreise nach Deutsch-Neuguinea. Treu schrieb er Briefe nach Saerbeck und berichtete von seinen weiten Fußmärschen.
Anfang der 50er Jahre besuchte er erstmals wieder die Heimat und hielt vor vollem Saal Lichtbildervorträge. Dabei bat er um ein NSU-Quickly-Moped, damit die beschwerlichen Märsche ein Ende hätten. Das Geld kam schnell zusammen – und Berkemeiers Fritz und Jopp zerlegten ein nagelneues Moped in alle Einzelteile, um es versandfertig zu verpacken. Ein halbes Jahr später kam die begeisterte Antwort: Jans hatte das Moped wieder zusammengebaut, und es bewährte sich glänzend.
Land unter im Keller von Bäcker Bernd
Der Bäcker Bärnd am Mühlenbach
Das Haus war direkt am Bach gebaut. Nachdem das alte Haus 1901 abgebrannt war, errichtete er an selbiger Stelle das neue Wohn- und Geschäftshaus.
Doch die Zeiten änderten sich. Die ersten Flurgenossenschaften gründeten sich mit dem Ziel, die Sümpfe in der Flöthe-Niederung trockenzulegen, um fruchtbares Ackerland zu haben. Das Regenwasser wurde dem Mühlenbach und dem Bussmannsbach zugeleitet. Die Wassermengen, die bei Bäcker Bärnd am Haus vorbeigeleitet wurden, erhöhten sich stetig. Und wenn es tagelang geregnet hatte, war die nächste Überflutung seines Kellers vorprogrammiert.
In den 1960er Jahren lagen an den Kellerfenstern eigentlich immer schwere Sandsäcke, die verhindern sollten, dass der Keller geflutet wurde. Im Keller stand trotzdem immer Wasser. Bäcker Bärnd hatte dort Fässer aufgestellt, in die man hineintreten musste, um trockenen Fußes an die Brotschneidemaschine für das Schwarzbrot zu kommen.
Das Haus von Bäcker Bärnd wurde 1969 abgerissen. Einzig die Schwarzbrotschneidemaschine hat die Zeit überdauert – und das, wo auch sonst, bei Teigelers Lupo in West-LA (Westladbergen).
Die erste Kläranlage


Die erste Kläranlage – ein echter Innovationssprung
Wer heute den Wasserhahn aufdreht und das Abwasser einfach im Abfluss verschwinden lässt, denkt selten darüber nach, wohin es eigentlich geht. Für unsere Großeltern war das noch eine ganz handfeste Frage.
Vor der Kanalisation hatte jeder Haushalt im Dorf seine eigene Abwassergrube. Brauchwasser und Fäkalien sammelten sich darin das ganze Jahr über – die sogenannte Jauchegrube. Einmal jährlich musste sie geleert werden. Dann kam ein Bauer mit seinem Jauchewagen, „dat Aalfat", wie der kleine Tankanhänger im Platt auch genannt wurde, pumpte die Grube ab und brachte den Inhalt als Dünger auf seine Felder aus.
Das hatte durchaus seinen Sinn: Die Nährstoffe wanderten zurück auf den Acker – ein geschlossener Kreislauf. Doch das System hatte seine Schattenseiten. Undichte Gruben verschmutzten das Grundwasser, der strenge Geruch gehörte zum Dorfalltag, und mit jedem neuen Wasseranschluss im Haus füllten sich die Gruben schneller. Vor allem aber war es eine Frage der Gesundheit: Wo Abwasser in Brunnen und Bäche sickerte, hatten Krankheiten leichtes Spiel.
Der eigentliche Innovationssprung kam 1969. In jenem Jahr ging die erste Kläranlage in Betrieb, und mit ihr wurde jeder Haushalt an ein gemeinsames Rohrnetz angeschlossen – eine Mischkanalisation, die Fäkalien, Brauch- und Regenwasser gemeinsam in einem Rohr führt und bis heute in Gebrauch ist. Das Abwasser floss nun nicht mehr in die Grube nebenan, sondern wurde gesammelt und zur Kläranlage geleitet. Dort geschah das Entscheidende: Das Wasser wurde gereinigt, bevor es wieder in die Natur gelangte – sauber zurück in den Mühlenbach, statt als Jauche. Was an Feststoffen zurückblieb, wurde gesondert entsorgt.
Dahinter stand ein ganz neuer Gedanke. Nicht mehr lagern und ausbringen, sondern sammeln, reinigen und zurückgeben. Der alte Düngerkreislauf ging dabei verloren – doch der Gewinn war groß: sauberes Wasser im Bach, sauberes Wasser im Brunnen und ein Dorf, das gesünder lebte als je zuvor.
Doch das Dorf wuchs. Schon in den 1980er Jahren zeichnete sich ab, dass die Anlage den steigenden Bedarf nicht mehr würde decken können – eine neue, größere Kläranlage wurde nötig. Die alte wurde stillgelegt und zurückgebaut. Auf dem freien Grundstück entstand schließlich das Seniorenheim „Haus am See" – nicht zuletzt, weil sich kein anderer Käufer fand.
Ganz ohne Tücken war auch das nicht. Das Heim liegt genau an der Terrassenkante des Mühlenbaches, und so müssen Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Bewohner einen Höhenunterschied von zwei bis drei Metern überwinden, um ins Dorf zu gelangen. Wo einst das Abwasser des Dorfes gereinigt wurde, wohnen heute seine ältesten Mitbürger – mit Blick auf den Bach, der die ganze Geschichte verbindet.
Nottmeiers Wiese
Nottmeiers Wiese – verwandelt in eine renaturierte Aue
Wir sind hier an Nottmeiers Wiese, direkt am Mühlenbach. Auf den ersten Blick ist das eine ganz gewöhnliche Wiese – unspektakulär, grün, ein Stück Wildwiese am Wasser. Und doch erzählt gerade dieser Ort eine Geschichte darüber, wie wir unser Denken über Wasser in den letzten Jahrzehnten beinahe vollständig umgedreht haben.
Lange Zeit galt Wasser vor allem als etwas, das man bändigen muss. Bäche wurden begradigt, Ufer befestigt, feuchte Senken trockengelegt. Auch diese Wiese hat man dem Mühlenbach einst abgerungen. Die Fläche war nass, eine Niederung – also entwässerte man sie, um daraus verlässliches Weide- und Ackerland zu machen. Damals zählte jeder Quadratmeter.
Das klingt zunächst vernünftig. Doch das Problem zeigte sich bei Starkregen. Denn ein begradigter Bach fließt schneller. Früher konnte das Wasser in die Fläche treten und sich dort beruhigen. Jetzt schoss es einfach talwärts und wurde binnen Stunden aus einem harmlosen Bächlein zu einem reißenden Strom. Was man oben an Land gewonnen hatte, bezahlte man unten mit Hochwasser – die Häuser flussabwärts standen dann im Wasser. Das Trockenlegen hatte das Problem also nicht gelöst, sondern nur verschoben.
Und genau hier setzt das Umdenken an. Heute wissen wir: Man muss dem Bach wieder Raum geben. Deshalb wurde Nottmeiers Wiese renaturiert – also naturnah zurückgebaut und dem Mühlenbach als Aue zurückgegeben. Statt das Wasser einzuzwängen, darf der Bach hier bei Hochwasser wieder über die Ufer treten und sich ausbreiten. Und das ist ausdrücklich gewollt.
Damit wird die Wiese zu einer sogenannten Retentionsfläche. Das Wort kommt von Retention, also Rückhalt. Die Wiese nimmt die Wassermassen auf, hält sie zurück und flacht die Hochwasserwelle ab, bevor sie die Häuser weiter unten erreicht. Sie arbeitet sozusagen als Puffer – denn was hier liegen bleibt, fehlt unten in der reißenden Welle.
Nun könnte man meinen, hier werde wertvolles Land einfach wieder aufgegeben – ein Rückschritt. Doch das ist es nur auf den ersten Blick. In Wahrheit ist es ein Fortschritt, denn eine renaturierte Aue kann gleich mehrere Dinge auf einmal: Sie schützt vor Hochwasser, sie reinigt das Wasser auf ganz natürliche Weise, und sie schafft Lebensraum für Pflanzen und Tiere, die am begradigten Bach längst verschwunden waren. Hochwasserschutz und Naturschutz in einer einzigen Wiese.
So schließt sich an Nottmeiers Wiese ein Kreis. Erst hat man dem Bach die Fläche abgerungen – und heute gibt man sie ihm wieder zurück. Und gewinnt dabei am Ende mehr, als man je verloren hat.
Mündung des Bussmann-Entlastungskanals
Mündung des Bussmann-Entlastungskanals
Bereits in Höhe des heutigen Bauernhofes Hegemann im Dorffeld fließt so viel Wasser zusammen, dass hier im Zuge der Flurbereinigung (ab 1976) ein Überlauf installiert wurde. Dieser sorgt dafür, dass nicht zu viel Wasser durch den Bussmannsbach und damit durch das Dorf fließen muss.
Das übrige Wasser wird in den Bussmann-Entlastungskanal abgeleitet. Die Idee dazu kam vom damaligen Projektleiter der Flurbereinigung, Bruno Cramer. Er erkannte die Möglichkeit, rechtzeitig für die Zukunft vorzubauen. Noch bevor die Siedlung Eschgarten III gebaut wurde, ließ er dort einen unterirdischen Kanal anlegen, um das Wasser aus dem Dorffeld und dem nördlichen Westladbergen nicht durch das Dorf leiten zu müssen. Das war genial – und vorausschauend. Heute wäre diese Maßnahme so nicht mehr umsetzbar, da die Fläche durch die Expansion des Dorfes inzwischen zugebaut ist.
Verrohrt ab der Umgehungsstraße bei Bauer Leo Meier verläuft der Kanal unter der Eschgartensiedlung weiter, um an der Badeseestraße in den Mühlenbach zu münden. Die Bewohner der Eschgartensiedlung, die ihre Häuser direkt über dem Kanal errichteten, fanden das zunächst irritierend. Doch heute, nach über 50 Jahren, spricht niemand mehr darüber, und keiner hat ein schlechtes Gefühl dabei, direkt über dem Bussmann-Entlastungskanal zu wohnen.
Eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall: In der Bevölkerung ist der unsichtbare Kanal fast vergessen. Und gerade weil das so ist, stehen wir heute wieder hier – genau an der Mündung, wo der Kanal hinter der Ufermauer noch einmal ans Licht tritt, über die Steintreppe herabfällt und sein Wasser dem Mühlenbach übergibt. Für einen kurzen Moment wird das Unsichtbare sichtbar.
Waschstelle altes Pastorat
Waschstelle altes Pastorat
Wo heute Brennnesseln und Brombeerranken die Stufen überwuchern, führte einst ein gepflegter Weg hinab ans Wasser. Die steinerne Treppe vor uns war kein Zufall der Landschaft, sondern mit Bedacht gebaut: eine Waschstelle am Mühlenbach, am Rande des Pfarrgrundstücks.
Bevor es fließend Wasser im Haus gab, war die große Wäsche eine schwere, gemeinschaftliche Arbeit. Sie fand nicht in der Küche statt, sondern dort, wo das Wasser war – am Bach. Über solche Stufen trug man Körbe voller Wäsche herab, kniete am Ufer, schrubbte und walkte die Tücher und spülte sie im klaren, fließenden Wasser des Mühlenbachs aus. Das fließende Wasser war dabei der ganze Witz: Es nahm Schmutz und Lauge mit sich fort, anders als das stehende Wasser eines Eimers oder Zubers.
Die Waschstelle lag auf dem Grundstück des Pastors – allerdings nicht im großen, parkähnlichen Pfarrgarten, sondern an dessen äußerem Rand, gut erreichbar von der Grevener Straße. Ob auch die Anwohner sie mitbenutzen durften, ist nicht überliefert; denkbar wäre es bei dieser Lage durchaus. Schriftliche Belege oder mündliche Überlieferungen dazu fehlen jedoch.
Das Ende der Waschstelle hat einen ungewöhnlich prominenten Anlass. Über Jahrhunderte hatte an dieser Stelle ein alter Pfarrhof gestanden. Doch vor gut hundert Jahren kam der Bischof von Münster regelmäßig nach Saerbeck – Besuche, die damals stets auch eine Übernachtung bedeuteten. Und der Bischof soll darauf gedrängt haben, ein neues, herrschaftliches Pfarrhaus zu errichten, damit er bei seinen Visiten standesgemäß logieren könne.
So entstand 1906 das heutige Pastorat: ein stattliches, herrschaftliches Gebäude, das den alten Pfarrhof ersetzte. Der wurde nach dem Neubau abgerissen. Das neue Pastorat war modern ausgestattet – mit fließendem Wasser und einer eigenen Waschküche. Damit hatte die Waschstelle am Bach von einem Tag auf den anderen ausgedient.
Heute hat die Natur die Stufen zurückerobert. Kein Wäschekorb wird mehr herabgetragen, das Wasser fließt still vorüber. Doch wer genau hinsieht, erkennt unter dem Grün noch die saubere Steinsetzung aus Naturstein und Ziegeln – ein stummes Zeugnis dafür, wie eng das Leben im Dorf einst mit dem Bach verbunden war. Und ein kleines Denkmal dafür, dass manchmal ein bischöflicher Übernachtungswunsch genügt, um den Lauf der Dinge zu ändern.
Aus den Fluten gerettet
Aus den Fluten gerettet
Früher, in einer Zeit mit nur wenigen Spielplätzen, spielten die Kinder gern am Mühlenbach, der sich durch das Dorf schlängelt, auch wenn das im Winter strengstens verboten war. Wenn das Wasser des Baches auch im Sommer gemächlich dahinfließt, so wird er doch im Winter bei Hochwasser zum reißenden Strom.
An einem kalten Wintertag trieb es Franjo Dreising und seine Freunde dann doch an den Mühlenbach, der schon fast über die Ufer ging. Sie schlugen alle Warnungen in den Wind und ließen selbst gebastelte Schiffe zu Wasser und folgten ihnen, um zu sehen, wie weit sie schwammen. Dabei rutschte Franz-Josef an der Uferböschung aus und fiel ins Wasser.
Die Fluten rissen ihn mit. Er schrie um Hilfe, weil seine nasse Kleidung immer schwerer wurde und er Angst hatte, zu ertrinken. Zum Glück halfen seine Freunde. Sie hielten ihm einen Stock entgegen, an dem er sich festhalten konnte. Sie zogen ihn an Land und er war gerettet. Doch Freude kam nicht auf. Alles war nass. Wie sollte er das den Eltern erklären? Besonders viel Schimpfe würde er für seine nassen Schuhe bekommen, echte teure Lederschuhe. Kalt, nass und unterkühlt kam er an der Bäckerei Teigeler vorbei. Es war Mittagszeit, in der Backstube stand der Backofen zum Auskühlen offen, und Bäcker Bärnd stand draußen vor seiner Backstube und hatte das ganze Unglück mit angesehen.
Da sagte Bäcker Bärnd: Leg dich in den Backofen, damit du wieder richtig trocken wirst, sonst kriegst du eine ordentliche Lungenentzündung. Das hat geholfen: Franjo ist nicht an Lungenentzündung gestorben, er hat nicht mal einen Schnupfen bekommen.
Nur Mecker bei den Eltern gab es dann doch – wegen der Schuhe.