Die Entwicklung Saerbecks über rund 200 Jahre (Ausgangslage seit 1122) in 7 Phasen, anhand von Karten, Fotos und Luftbildern. Digitaler Vortrag zum Nachlesen und Hören.

  1. Phase 01 · 1122–1822Ewiger Roggenbau
  2. Phase 02 · 1822–1850Hungerjahre
  3. Phase 03 · 1850–1900Aufforstung
  4. Phase 04 · 1900–1950Wald zu Weide
  5. Phase 05 · 1950–1975Wirtschaftswunder
  6. Phase 06 · 1975–2000Flurbereinigung als Türöffner
  7. Phase 07 · 2000–heuteEnergiewende

Phase 01 · 1122–1822

Ewiger Roggenbau

Wie Plaggen, Schafe und Roggen das Heidedorf über Jahrhunderte prägten – und an seine Grenzen brachten.

Urkataster Saerbeck 1828
Urkataster Saerbeck 1828

Saerbeck – auf Platt „Saorbiek“, der trockene Bach. Schon der Name verrät, womit die Menschen hier jahrhundertelang zu kämpfen hatten: mit dürrem, sandigem Boden.

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Im Jahr 1122 kommt unser Dorf an das Kloster Cappenberg. Graf Gottfried von Cappenberg tritt in den Orden ein und schenkt ihm seinen ganzen Besitz. Dazu gehört auch der Oberhof „curtis Sorbecke“. Aus ihm wird der Mönchshof.

Wovon lebten die Menschen? Vom Roggen. Und der Roggen lebte von der Heide. Denn der Sand gab ohne Dünger kaum etwas her. Also stachen die Bauern draußen in der Mark Heide- und Grassoden ab, die Plaggen. Sie kamen als Einstreu in den Stall, sogen sich mit Mist und Harn voll und wurden dann auf die Äcker am Hof gebracht. Ein Millimeter im Jahr. Heute ist dieser Eschboden in Saerbeck bis zu einem Meter mächtig. Das sind tausend Jahre Bauernarbeit. Weil man darauf Jahr für Jahr Roggen säen konnte, spricht man vom „ewigen Roggenbau“.

Doch die Rechnung hatte einen Haken. Eine abgeplaggte Heide brauchte rund 25 Jahre, bis sie nachgewachsen war. Und die Heide gehörte allen. Dort weideten die Schafe, oft gehütet von Kindern. 1534 zählte man 1.208 Schafe, aber nur 37 Schweine. Für die Schweinemast fehlten die Eichen.

Und die Menschen wurden mehr. Um 1500 lebten etwa 700 Menschen im Kirchspiel, zu Beginn des 18. Jahrhunderts schon mehr als 1.500. Die Obrigkeit siedelte immer neue Kleinbauern an, oft gegen den Protest der alten Bauern. Die Mark wurde kleiner, die Heide übernutzt. Schon 1717 heißt es, das Holz in der Mark sei „für hundert und mehr Jahren bereits verhawen“.

1811 besteht Saerbeck zu 58 Prozent aus Heide und zu 40 Prozent aus Acker. Wald: ein Prozent. Wo die Heide ganz verschwindet, beginnt der Sand zu wandern. Geerntet wird höchstens das Dreifache der Aussaat. Heute ist es das Dreißigfache.

Um 1800 herrscht bittere Armut. Als der Bürgermeister das Vermögen eines fahnenflüchtigen Soldaten einziehen soll, schreibt er, im Haus sei nichts zu finden „außer zwei alten hölzernen Kisten, einem kupfernen Kessel, einem alten Bett und sieben Kindern“.

Ein Dorf auf Sand. Es braucht nur noch ein paar schlechte Jahre. Und die kommen.

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Ewiger Roggenbau hatte Folgen – Flächenverteilung 1811
Ewiger Roggenbau hatte Folgen – Flächenverteilung 1811
Dorfkern 1828 mit den Höfen Hunnekuhl und Münninghoff
Dorfkern 1828 mit den Höfen Hunnekuhl und Münninghoff
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Phase 02 · 1822–1850

Hungerjahre

Hagel, Hunger und Nervenfieber: wie Saerbeck die Notjahre überstand und warum am Ende die Heide geteilt wurde.

Hunger, Heide, Kiefern – Zeitleiste der Notjahre
Hunger, Heide, Kiefern – Zeitleiste der Notjahre

1822. Sieben Jahrhunderte, nachdem Saerbeck an Cappenberg kam, steht das Dorf am Rand seiner Möglichkeiten. Rund 1.900 Menschen leben hier, die meisten in den unteren bäuerlichen Schichten, am Existenzminimum. Viele Heuerlinge und Kleinbauern verdienen sich etwas mit Spinnen und Weben dazu. Doch seit etwa 1820 drängt die billige Baumwolle das Leinen vom Markt.

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Ein Tagelöhner verdient um 1830 drei bis fünf Silbergroschen am Tag. Für ein Paar Schuhe muss er zehn Tage arbeiten. Eine einzige Krankheit kann eine Familie an den Bettelstab bringen.

Dann kommt es Schlag auf Schlag. Im Frühjahr 1831 vernichtet ein starker Frost die Hoffnung auf eine gute Ernte. Am 14. Juli 1832, nachmittags gegen fünf, zieht ein Gewitter über Saerbeck. Vier Minuten Hagel, und die ganze Ernte ist verloren. Alte Eichen werden entwurzelt, Häuser und Scheunen stürzen ein.

Diesmal hilft das ganze Land. Spenden kommen von nah und fern, selbst vom König: über 1.600 Scheffel Roggen, mehr als 400 Scheffel Kartoffeln, Salz, Kohlen und gut 3.400 Taler. 36.000 Pfund Brot werden an Bedürftige verteilt.

Doch die Not kehrt zurück. 1838 und 1839 geht das Nervenfieber um. Anfang der 1830er Jahre sterben rund 40 Menschen im Jahr, 1839 sind es 86. Viele sterben an Schwindsucht, eine Folge der schlechten Ernährung.

In den 1840er Jahren setzt sich die Kartoffel durch. Sie macht satt, gerade die Armen. Aber sie macht auch abhängig. Ein schlechtes Kartoffeljahr ist ein Hungerjahr.

Wer kann, sucht sein Brot in der Fremde. Jedes Frühjahr nach der Aussaat ziehen Heuerlinge mit der Sense auf dem Rücken zu Fuß nach Holland, um Gras zu mähen und Torf zu stechen. Kurz vor der Ernte kommen sie zurück, mit ein paar Talern in der Tasche und der „Schwindsucht in den Knochen“. Der Wundarzt Lehmann notiert, wann eine Rechnung beglichen wird: „wenn derselbe wieder kommt von Holland“.

Die alte Wirtschaftsweise ist am Ende. Die preußische Regierung drängt schon lange darauf, die gemeinsame Heide zu teilen. 1849 stimmen die Saerbecker zu, mehr aus Verzweiflung als aus Überzeugung. Rund 3.550 Hektar, die halbe Gemeinde, werden verteilt. Im Schnitt verdoppelt sich die Fläche der Höfe. Wer Heuerling ist oder Neusiedler, geht leer aus.

Was die Bauern mit diesem Land anfangen, erzählt die nächste Phase.

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Phase 03 · 1850–1900

Aufforstung

Die Schafe verschwinden, und die Heide bewaldet sich fast von selbst.

Topographische Karte 1891–1912
Topographische Karte 1891–1912

Nach der Markenteilung hat jeder Bauer sein Stück Heide. Viel anfangen kann er damit nicht. Der Boden ist ausgelaugt, vieles ist versumpft. Manch großer Bauer hält das Land für wertlos und verkauft Parzellen zum Spottpreis, erzählt man, für ein Paket Tabak.

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Dann geschieht etwas, das keiner geplant hat. Die Schafe verschwinden. 1817 waren es noch 1.500, um 1900 sind es gerade zwei. Wolle kommt jetzt billiger aus Übersee. Ohne die Schafe, die jeden jungen Trieb abfressen, keimen auf dem offenen Boden die Samen von Kiefern und Birken. Nur wenige Bauern pflanzen selbst. Die meisten Wälder säen sich von allein. 1842 hat Saerbeck gut 200 Hektar Wald, 1895 mehr als 2.600. Das sind rund 40 Prozent der Gemeinde. Mit dem Wald kommt ein Tier zurück: das Reh.

Den Menschen hilft das zunächst wenig. Als 1856 die Eisenbahn gebaut wird, soll sie über Saerbeck führen. Die Saerbecker wehren sich, mit Erfolg. Die Bahn fährt an Greven und Emsdetten vorbei, und mit ihr die Industrie. Wer Arbeit sucht, geht dorthin. Zwischen 1834 und 1895 wandern 74 Saerbecker aus, 70 von ihnen nach Nordamerika. 1851 zählt Saerbeck 1.905 Einwohner, 1900 nur noch 1.570.

Und doch wird der Aufschwung der Nachbarn auch für Saerbeck zur Chance. In den wachsenden Städten braucht man Fleisch und Milch. Statt Schafen halten die Bauern jetzt Rinder und Schweine und verkaufen auf dem Markt.

Arm bleibt Saerbeck trotzdem. „In Saorbiek geht man bie Bookweiten-Pannkoken in de Knei liggen“, sagt ein Sprichwort. Für einen Buchweizenpfannkuchen fällt man hier auf die Knie. Trotzdem legen ab 1869 248 Haushalte Monat für Monat Pfennig um Pfennig zusammen, für eine neue Kirche. Die Bauern fahren Steine und schenken das Bauholz. Zwei Saerbecker sterben beim Bau. Am 27. September 1898 wird St. Georg geweiht.

Am Ende des Jahrhunderts schließen sich die Bauern zu Genossenschaften zusammen, um die nassen Niederungen zu entwässern. Der Kunstdünger kommt auf, aber die Bauern trauen ihm noch lange nicht. Wie aus Heide und Wald Weideland wird, erzählt die nächste Phase.

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Wovon Saerbeck um 1850 lebte – Berufe
Wovon Saerbeck um 1850 lebte – Berufe
Saerbeck schrumpft – Einwohner 1851–1900
Saerbeck schrumpft – Einwohner 1851–1900
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Phase 04 · 1900–1950

Wald zu Weide

Entwässerung, Kunstdünger und Kahlschlag: Aus Heide wird Wald, aus Wald wird Weide.

Luftbild der 1940er Jahre
Luftbild der 1940er Jahre

1901 will sich August Westhues vom Hof Middendorf die Arbeit leichter machen. Er brennt ein Stück Heide ab. Das Feuer gerät außer Kontrolle und frisst sich bis nach Sinningen durch. Der Schaden ist groß. Aber viele Bauern sehen jetzt, was unter dem Heidekraut liegt: Land, das man pflügen kann.

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Zuerst muss das Wasser weg. Mit Hilfe des Staates schließen sich die Bauern zu Entwässerungsgenossenschaften zusammen. Fast 2.300 Hektar in der Niederung und an der Ems werden trockengelegt. Ein sieben Kilometer langer Kanal führt das Wasser zur Ems, die Bäche werden ausgebaut, Gräben gezogen. Dann wird die Heide abgebrannt, und der Dampfpflug bricht die harte Schicht im Boden auf.

Fehlt noch der Dünger. Den Kunstdünger gibt es, aber die Saerbecker Bauern trauen ihm nicht. Erst Mitte der 1920er Jahre probieren ihn viele aus. Und selbst dann streut man ihn am liebsten so, dass der Nachbar es nicht sieht.

Das Ergebnis überzeugt. Wo früher die Wagen hinausfuhren, um Plaggen zu holen, fahren sie jetzt Heu nach Hause. Aus Heide wird Grünland. 1839 zählte man in Saerbeck gut 800 Rinder, 1933 sind es mehr als 2.900.

Nur die Ems spielt nicht mit. Von Mai 1923 bis August 1924 tritt sie fünfmal über die Ufer. Sie nimmt die junge Saat, dann Rüben und Kartoffeln, die Feldbestellung, die Heuernte und schließlich die Ernte.

Trotzdem wächst das Dorf wieder. 1904 bis 1906 entstehen die Straßen nach Emsdetten und Westladbergen. Die ersten Pendler fahren zur Weberei nach Emsdetten oder Greven und bewirtschaften daheim noch eine kleine Landwirtschaft. 1900 hatte Saerbeck 1.570 Einwohner, 1939 sind es 2.423.

Der Wald, der in fünfzig Jahren fast von selbst gewachsen war, hält sich bis in die 1930er Jahre. Dann verschwindet er in wenigen Jahren. 1936 gibt es noch 2.649 Hektar, 1953 nur noch 840. Gebraucht werden Grubenholz, Bauholz, Brennholz. Die Kahlschläge forstet niemand wieder auf. Selbst die Baumstümpfe werden als Brennholz verkauft. Was kahl ist, wird umgebrochen und zu Weide und Acker. Nur auf den trockenen Dünen lässt man den Wald stehen.

In den 1940er Jahren finden Evakuierte und Vertriebene in Saerbeck eine neue Bleibe. 1947 leben 3.357 Menschen in Saerbeck, mehr als doppelt so viele wie 1900.

Aus Heide wurde Wald, aus Wald wurde Weide. Und das Dorf, das hundert Jahre lang geschrumpft war, platzt aus allen Nähten.

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Topographische Karte 1939–1949
Topographische Karte 1939–1949
Vom Wald zur Weide – Waldfläche 1936/1953
Vom Wald zur Weide – Waldfläche 1936/1953
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Phase 05 · 1950–1975

Wirtschaftswunder

Trecker statt Pferd, das Blitzdorf Sinningen und der Kampf um die Selbständigkeit.

Luftbild 1965 mit Bachstraße, Sitterdelle, Münninghoff, Rathaus, Wenners, Overwehr
Luftbild 1965 mit Bachstraße, Sitterdelle, Münninghoff, Rathaus, Wenners, Overwehr

Nach 1948 setzt in Saerbeck fast schlagartig ein Wandel ein. Im Dorf wachsen neue Wohngebiete: an der Lindenstraße, im Eschgarten, an der Bachstraße, am Steinkreuz. 1956 wird die neue St.-Georg-Schule bezogen, 1960 bekommt Saerbeck endlich ein eigenes Rathaus. Ende der 1930er Jahre gab es im Dorf sieben Schaufenster. Anfang der 1960er Jahre sind es 35.

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Auf den Höfen ersetzt der Trecker das Pferd. 1950 hat jeder Hof im Schnitt noch zwei Pferde, ein Pfluggespann. 1970 gibt es in ganz Saerbeck gerade noch 30. Dafür wächst das Vieh. Von 1948 bis 1961 verdoppelt sich die Zahl der Kühe, die der Schweine steigt auf das Achtfache. Und die Schafe, einst über 2.600, sind fast verschwunden. 1961 zählt man noch 13.

Wer auf dem Hof nicht mehr gebraucht wird, sucht Arbeit anderswo. Zum ersten Mal gibt es sie auch im Ort: in der Tonmöbelfabrik Liesenkötter, in der Weberei, in der Näherei Fraling, im Kalksandsteinwerk Stegemann, bei der Maschinenfabrik Engeler. Viele pendeln nach Emsdetten, Greven oder Münster. 1950 lebt noch mehr als die Hälfte der Saerbecker von der Landwirtschaft. Ein paar Jahrzehnte später ist es nicht einmal mehr jeder Zehnte. Saerbeck wird zur Konsumgesellschaft, ohne je ein Industriedorf gewesen zu sein.

Am schnellsten wächst Sinningen an der Ems. Wo um 1947 kaum ein Haus stand, steht fünfzehn Jahre später eine ganze Siedlung. Sie wächst so schnell, dass der Volksmund sie „Blitzdorf“ nennt. Sieben Betriebe geben dort 125 Familien Arbeit. Seit 1955 verbindet die Hembergener Brücke Sinningen mit dem Dorf.

Zwischen 1966 und 1975 wird gebaut wie nie zuvor. Junge Familien aus den Nachbarorten kaufen Bauland, denn in Saerbeck ist es günstig. Das Dorf, das hundert Jahre lang Menschen verloren hatte, zieht jetzt Menschen an.

Doch über allem schwebt eine Frage: Bleibt Saerbeck selbständig? Bei der kommunalen Neugliederung sollen nur Gemeinden bestehen bleiben, die als Zentren voll ausgestattet sind. Saerbeck erfüllt viele Bedingungen nicht. Gemeindedirektor Josef Kranz und sein Team schreiben ein Konzept: „Saerbeck – heute und morgen“, über 60 Seiten, elf Leitsätze, Ziel 8.000 Einwohner. Es überzeugt die Landesregierung. Der Preis: Sinningen, das Blitzdorf, geht an Emsdetten, und mit ihm 1.266 Menschen.

1975 ist Saerbeck mit 3.908 Einwohnern die kleinste selbständige Gemeinde Nordrhein-Westfalens. Klein, aber selbständig. Und mit einem Plan.

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Blick vom Kirchturm, 1960er Jahre
Blick vom Kirchturm, 1960er Jahre
Der „Münsterbus“ auf der Linie Münster–Greven–Saerbeck–Ibbenbüren
Der „Münsterbus“ auf der Linie Münster–Greven–Saerbeck–Ibbenbüren
Der Wandel in Zahlen – Pferde, Kühe, Verkehrszählung 1956
Der Wandel in Zahlen – Pferde, Kühe, Verkehrszählung 1956
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Phase 06 · 1975–2000

Flurbereinigung als Türöffner

31 Jahre Flurbereinigung: große Äcker, neue Wege, Naturschutz – und Platz für die Zukunft des Dorfes.

Luftbild 1980 mit Münninghof, Sundermann/Plagge, Gerbert, Mense, Bausch
Luftbild 1980 mit Münninghof, Sundermann/Plagge, Gerbert, Mense, Bausch

1975 ist Saerbeck selbständig. Aber wovon soll eine so kleine Gemeinde leben? Die Antwort hat schon 1971 begonnen, draußen auf den Feldern: mit der Flurbereinigung.

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Schon in den 1960er Jahren wollen Landwirte und Gemeinde ihre Probleme gemeinsam lösen. 1971 ist es so weit. Das Verfahren umfasst 6.667 Hektar und 1.138 Teilnehmer. Der wichtigste Grund ist wieder einmal das Wasser. In der Niederung steht das Grundwasser so hoch, dass Wiesen und Felder selbst im Sommer unter Wasser stehen. Das Vieh leidet an Leberegeln.

Die Bagger rücken an. 90 Kilometer Gewässer werden ausgebaut, 140 Kilometer Wirtschaftswege angelegt, fast alle mit Asphalt. Heute sind sie zugleich ein beliebtes Radwegenetz. Aus vier kleinen Äckern wird im Schnitt ein großer, möglichst nah am Hof. 69 Kilometer Hecken werden gerodet, ein Teil davon versetzt. Den Verlust von 29 Kilometern gleicht die Bepflanzung neuer Grabenböschungen aus. 1969 war fast die Hälfte der Gemeinde Grünland, 1987 ist es nur noch ein Sechstel. Der Acker wächst von gut einem Drittel auf mehr als zwei Drittel der Fläche.

Doch die Flurbereinigung ist mehr als Landwirtschaft. Sie ist ein Türöffner. Weil ohnehin Land getauscht wird, gewinnt die Gemeinde Flächen für ihre Zukunft: für die Umgehungsstraße der B 219, auf der seit 1991 der Schwerverkehr am Dorf vorbeirollt. Für Baugebiete, Gewerbe, die Kläranlage und einen größeren Badesee. Drei Höfe ziehen aus dem engen Dorf hinaus. 1979 kauft die Teilnehmergemeinschaft einen alten Hof und gibt ihn der Gemeinde. Heute ist er als Bürgerhaus der Mittelpunkt des Dorfes. Und 91 Hektar gehen an die Bundeswehr, für ein Munitionsdepot.

Unterwegs ändert sich der Blick auf die Landschaft. 1976 bekommt Deutschland ein neues Flurbereinigungsgesetz, und der Naturschutz redet mit. Schon 1972/73 fordern Vogelkundler, die Brutwiesen des Großen Brachvogels unberührt zu lassen. Die Bauern sehen nicht ein, warum ausgerechnet ihre Flächen nass bleiben sollen. Nach zähen Verhandlungen kauft das Land Flächen auf und tauscht die Landwirte heraus. Einer siedelt bis nach Walsrode um. 1987 wird das Feuchtgebiet Saerbeck mit 202 Hektar unter Naturschutz gestellt. Am Ende sind es über 530 Hektar Naturschutzgebiete, so viel wie mehrere Bauernhöfe.

Das Verfahren kostet 53 Millionen D-Mark. Erst 2002 wird es abgeschlossen, nach 31 Jahren. Die Landschaft sieht jetzt aus wie nie zuvor: große Äcker, gerade Gräben, Asphaltwege, dazwischen geschützte Feuchtwiesen. Und draußen liegt ein eingezäuntes Gelände der Bundeswehr. Noch ahnt niemand, was daraus einmal wird.

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Karte 1975 – die kleinste selbständige Gemeinde in NRW
Karte 1975 – die kleinste selbständige Gemeinde in NRW
Luftbild Ende der 1970er Jahre
Luftbild Ende der 1970er Jahre
Ortsplan Saerbeck 1980
Ortsplan Saerbeck 1980
Ortskernsanierung Anfang der 1980er Jahre
Ortskernsanierung Anfang der 1980er Jahre
Gaststätte Unkel/Wollenhöfer 1980
Gaststätte Unkel/Wollenhöfer 1980
Café Liesenkötter 1988
Café Liesenkötter 1988
Gaststätte Willebrandt 1980
Gaststätte Willebrandt 1980
Kreissparkasse im Bau 1988
Kreissparkasse im Bau 1988
Die Eisdiele, dahinter Gaststätte Winter, 1980
Die Eisdiele, dahinter Gaststätte Winter, 1980
Gaststätte Winter, dahinter die Eisdiele, 1987
Gaststätte Winter, dahinter die Eisdiele, 1987
Luftbild 1980er Jahre (Neubaugebiet)
Luftbild 1980er Jahre (Neubaugebiet)
Luftbild 1980er Jahre
Luftbild 1980er Jahre
Luftbild 1980er Jahre (Feldflur)
Luftbild 1980er Jahre (Feldflur)
Ortsplan 1992
Ortsplan 1992
Luftbild Sportplatz
Luftbild Sportplatz
Luftbild Gewerbegebiet
Luftbild Gewerbegebiet
Luftbild Ortsrand
Luftbild Ortsrand
Luftbild Wohngebiet
Luftbild Wohngebiet
Luftbild Straße und See
Luftbild Straße und See
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Phase 07 · 2000–heute

Energiewende

Vom Munitionsdepot zum Bioenergiepark: wie Saerbeck mehr Strom erzeugt, als es braucht.

Bioenergiepark mit Windrädern und Solarpark
Bioenergiepark mit Windrädern und Solarpark

Das neue Jahrtausend beginnt in Saerbeck mit Wachstum. Neue Wohngebiete entstehen, neue Betriebe siedeln sich an. Zwischen 1996 und 2024 kommen über 700 Arbeitsplätze hinzu. Der größte Arbeitgeber ist Saertex, hervorgegangen aus der Textilindustrie. Die Firma fertigt Verstärkungstextilien, unter anderem für Flugzeuge, Schiffe und Windräder. In Saerbeck arbeiten dort 550 Menschen.

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2009 fasst die Gemeinde einen Entschluss: Saerbeck will beim Klimaschutz vorangehen. Ein Konzept mit 150 Einzelmaßnahmen entsteht. Das größte Projekt braucht Fläche, und die Fläche ist da: das Munitionsdepot der Bundeswehr, einst in der Flurbereinigung bereitgestellt.

Die Gemeinde kauft das Gelände und baut es von 2011 bis 2013 in Eigenregie um, ohne fremde Hilfe. Auf rund 90 Hektar entstehen sieben Windräder, zwei Biogasanlagen und ein großer Solarpark auf den ehemaligen Bunkern. Zusammen leisten sie 32,5 Megawatt. Saerbeck erzeugt heute mehr als doppelt so viel Strom aus erneuerbaren Energien, wie es verbraucht.

Das Besondere: Das Geld bleibt im Dorf. Den Solarpark betreibt die Genossenschaft „Energie für Saerbeck“. Die Biogasanlage gehört Saerbecker Landwirten und einem örtlichen Unternehmen. Die Windräder betreiben die Gemeinde, die Genossenschaft, Privatleute und Unternehmer aus dem Ort. Die Gemeinde verdient mit, durch Pacht, Steuern und ein eigenes Windrad.

Und die Natur? Rund 30 Hektar im Norden des Geländes bleiben frei, weil sie für den Artenschutz besonders wertvoll sind. Ein Weg führt heute in diese Wildnis. Jedes Jahr lernen dort etwa 3.000 Schülerinnen und Schüler in den „Saerbecker Energiewelten“, wie Klimaschutz und Naturschutz zusammengehen. Die Fachhochschule Münster forscht hier an Speichern und Bioenergie.

Nicht jeder Plan geht auf. 2020 kündigt die Firma Enapter an, in Saerbeck Wasserstoff-Elektrolyseure in Serie zu bauen. Die große Halle wird gebaut. Doch 2024 entscheidet sich das Unternehmen gegen eine Fertigung hier.

Fast zweihundert Jahre nach den Hungerjahren lebt Saerbeck wieder von dem, was Sonne, Wind und Boden hergeben, wie einst die Heidebauern. Nur erntet es heute mehr, als es braucht. Aus der ärmsten Gemeinde des nördlichen Münsterlandes ist ein Dorf geworden, auf das andere schauen.

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Karte 2003
Karte 2003
Karte 2006
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Karte 2008
Karte 2008
Karte 2014
Karte 2014
Luftbild aus dem Tragschrauber
Luftbild aus dem Tragschrauber
Luftbild aus dem Tragschrauber
Luftbild aus dem Tragschrauber
Luftbild Ortslage mit Markierungen
Luftbild Ortslage mit Markierungen
Luftbild Ortslage mit Markierungen
Luftbild Ortslage mit Markierungen
Luftbild Ortslage mit Badesee
Luftbild Ortslage mit Badesee
Luftbild Gewerbegebiet
Luftbild Gewerbegebiet
Luftbild Ortslage mit Markierungen
Luftbild Ortslage mit Markierungen
Luftbild Feldflur
Luftbild Feldflur
Karte 2015
Karte 2015
Karte 2021
Karte 2021
Das Enapter-Werk in der Bauphase
Das Enapter-Werk in der Bauphase
Enapter: Die Fabrik ohne Produktion
Enapter: Die Fabrik ohne Produktion
Ortsentwicklung bis 2050 – Wachstumspotenzial (Stand 2009)
Ortsentwicklung bis 2050 – Wachstumspotenzial (Stand 2009)
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Quellen und Dank

  • Phase 01 · Ewiger Roggenbau: G. Berkemeier, Dissertation „Veränderung von Naturräumen durch den Menschen im nördlichen Westfalen“, Oldenburg 2007, Teil A Saerbeck, S. 23–33 (Eschboden, Plaggen-Regeneration, Viehbestand 1534/36, Bevölkerung, Ansiedlung, Zitat 1717, Landnutzung 1811, Ertrag, Wanderdünen), S. 49 f. (Regeneration 25 Jahre) · H. Berg, „Heimatkunde der amtsfreien Gemeinde Saerbeck“, 1962, S. 4 f., 19 (Name, 1122, Cappenberg), S. 37 (Deserteur-Zitat), S. 39 f. (Schafhirten)
  • Phase 02 · Hungerjahre: G. Berkemeier, Dissertation „Veränderung von Naturräumen durch den Menschen im nördlichen Westfalen“, Oldenburg 2007, Teil A Saerbeck, S. 29–33 (Leinenkrise ab 1820, Unterschichten, Kapazitätsgrenze), S. 36–38 (Markenteilung 1849, Rezess, Flächenverdoppelung, „aus Verzweiflung“), S. 49 (Hollandgänger), S. 52 f. (Kartoffel 1840er) · H. Berg, „Heimatkunde der amtsfreien Gemeinde Saerbeck“, 1962, S. 26 f., 30–33, 37 f. (Hagel, Spenden, Hollandgänger, Löhne, Frost, Nervenfieber, Sterberegister)
  • Phase 03 · Aufforstung: G. Berkemeier, Dissertation „Veränderung von Naturräumen durch den Menschen im nördlichen Westfalen“, Oldenburg 2007, Teil A Saerbeck, S. 35–39 (Schafe 1817/1900, Waldfläche 1842/1895, natürlicher Anflug, Spottpreis, Rinder/Schweine, Marktproduktion, Auswanderung 1834–1895 nach Thannhäuser 1993, Genossenschaften, Kunstdünger-Skepsis), S. 42 (Rasterkarte 1897) · H. Berg, „Heimatkunde der amtsfreien Gemeinde Saerbeck“, 1962, S. 15 f. (Kirchbau, Pfennigverein, Sprichwort), S. 27 (Eisenbahn 1856), S. 40 f. (Tabak, Rehwild), Einwohnertabelle
  • Phase 04 · Wald zu Weide: G. Berkemeier, Dissertation „Veränderung von Naturräumen durch den Menschen im nördlichen Westfalen“, Oldenburg 2007, Teil A Saerbeck, S. 35–38 (Meliorationsgenossenschaften 2.291 ha, 7-km-Vorflutkanal, Heide abbrennen, Tiefkultur/Dampfpflug, Kunstdünger-Skepsis nach Thannhäuser 1993, Waldfläche 1936/1953 nach Gemeindearchiv Akte 47, Kahlschläge, erste Berufspendler), S. 51 (staatliche Unterstützung) · H. Berg, „Heimatkunde der amtsfreien Gemeinde Saerbeck“, 1962, S. 27 f. (Straßenbau 1904–06), S. 24 (Viehzählungen 1839/1933), S. 38 (Hochwasser 1923/24), S. 41 f. (Heidebrand 1901, Heu statt Plaggen), Einwohnertabelle (1900, 1939, 1947 mit Evakuierten und Vertriebenen) · J. Berkemeier, Chronik „100 Jahre Hegering Saerbeck“ (Waldverlust 1936–1953)
  • Phase 05 · Wirtschaftswunder: G. Berkemeier, Dissertation „Veränderung von Naturräumen durch den Menschen im nördlichen Westfalen“, Oldenburg 2007, Teil A Saerbeck, S. 37–39, 52 (Pferde 1950/1970, Schlepper, Anteil Landwirtschaft 1950–1990, Konsumgesellschaft ohne Industriegesellschaft, Berufspendler) · H. Berg, „Heimatkunde der amtsfreien Gemeinde Saerbeck“, 1962, S. 32–34 (Aufschwung nach 1948, Neubaugebiete, Schule 1956, Rathaus 1960, Schaufenster, Betriebe, Blitzdorf Sinningen mit 7 Betrieben/125 Familien), S. 24 (Viehzählung 1948/1961) · J. Berkemeier, „Dorf kämpft für Selbständigkeit“ (Hembergener Brücke 1955, Betriebe, Bauboom 1966–75, Neugliederung, Konzept „Saerbeck – heute und morgen“ nach J. Kranz 1971, Sinningen 1.266 Einwohner, 3.908 Einwohner 1975)
  • Phase 06 · Flurbereinigung als Türöffner: Amt für Agrarordnung Coesfeld, „Flurbereinigung Saerbeck – 26 71 2 –, Bereisung und Vorstandssitzung zum Abschluss des Flurbereinigungsverfahrens“, Saerbeck, 7. Oktober 2003 (Verfahrensdaten 1971–2002, 1.138 Teilnehmer, 6.667 ha, 53 Mio., 140 km Wege, 90 km Gewässer, 3 Aussiedlungen, Bürgerhaus 1979, militärische Anlage 91 ha, NSG Feuchtgebiet Saerbeck 202 ha, Naturschutzgebiete gesamt 531 ha, Radwegenetz) · F. Welpmann, „Flurbereinigung im Wandel – Das Verfahren Saerbeck“, Landesbildstelle Westfalen (LWL), Münster 1989, S. 11–34 (Grundwasser/Leberegel, Zusammenlegung 4:1, Hecken 69 km gerodet, Netto-Verlust 29 km, Ausgleich durch Böschungsbepflanzung, FlurbG 1976, Ornithologen 1972/73, Walsrode, Unterschutzstellung Anfang 1987) · G. Berkemeier, Dissertation „Veränderung von Naturräumen durch den Menschen im nördlichen Westfalen“, Oldenburg 2007, Teil A Saerbeck, S. 36 f. (Landnutzung 1969/1987) · J. Berkemeier, „Dorf kämpft für Selbständigkeit“ (Ortsumgehung B 219 seit 1991)
  • Phase 07 · Energiewende: Gemeinde Saerbeck, Website „Klimakommune Saerbeck“, Seite Bioenergiepark (Textauszug, Stand 27.9.2026) (Umbau 2011–2013 in Eigenregie, 90 ha, 7 Windenergieanlagen, 2 Biogasanlagen, PV-Freiflächenanlage, mehr als doppelt so viel Strom wie benötigt, 30 ha Naturbereich Nord, Betreiber, Einnahmen, Energiewelten mit ca. 3.000 Schüler/-innen jährlich, FH Münster) · J. Berkemeier, „Dorf kämpft für Selbständigkeit“ (Arbeitsplätze 1996–2024, Saertex 550 Beschäftigte, Klimaschutzkonzept seit 2009 mit 150 Maßnahmen, 32,5 MW) · Amt für Agrarordnung Coesfeld, Abschlussdokument Flurbereinigung Saerbeck, 2003 (Land für die militärische Anlage) · Enapter-Pressemitteilung 14.10.2020; ECOreporter 3.6.2024 · Rückbezug Heidebauern/Solarenergie: G. Berkemeier, Dissertation 2007, S. 48 · „ärmste Gemeinde des nördlichen Münsterlandes“: H. Berg, Heimatkunde 1962, S. 15

[Dank an Mitwirkende und Bildgeber]

Heimatverein Saerbeck
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